«Wir vernetzen Menschen mit Ideen»

Andreas Hugi und Lorenz Furrer gründeten ihre Agentur 2006 als kleine Boutique für Politikberatung. Heute zählt furrerhugi zu den wichtigsten Public-Affairs- und Kommunikationsagenturen der Schweiz. Im Interview mit Matthias Ackeret von Persönlich sprechen die beiden Gründer über die Anfänge, politische Polarisierung, Lobbying, Wachstumsschmerzen und darüber, warum sie ihre Firma nie an Private Equity verkaufen wollen.

16.07.2026

Herr Furrer, Herr Hugi, herzliche Gratulation zum 20-Jahr-Jubiläum! In dieser schnelllebigen Branche ist das eine lange Zeit. Hatten Sie bei der Gründung 2006 eine Vorstellung davon, wo Sie heute stehen werden?

Lorenz Furrer: Ja - aber total die falsche (lacht). Wir haben immer gesagt: Wir wollen fein und klein bleiben. Dass wir einmal zu den grösseren Kommunikationsagenturen gehören, war nie das Ziel.

Andreas Hugi: Wir wollten eine Boutique sein, die nicht einfach beliebig ersetzt werden kann. Wir haben ursprünglich mit Politikberatung angefangen. Unser damaliger Treuhänder war eine Art Sparringspartner und meinte irgendwann: «Macht doch mal einen Businessplan.»

Und dann?

Andreas Hugi: Wir haben tatsächlich einen geschrieben. Kürzlich haben wir ihn wieder angeschaut - praktisch nichts davon ist eingetroffen. Vielleicht war das sogar gut. Wir sind einfach losgelaufen. Hätte das erste, zweite oder dritte Projekt nicht funktioniert, wäre es nicht weiter tragisch gewesen. Dadurch konnte sich die Firma organisch entwickeln.

Was auffällt: Ihre Firma war von Beginn an in Zürich und Bern vertreten, also in zwei unterschiedlichen Welten. Wie haben Sie sich überhaupt gefunden?

Lorenz Furrer: Eigentlich über Ruedi Noser, den langjährigen Zürcher FDP-Politiker. Er hat uns zusammengeführt. Doch so gegensätzlich, wie viele denken, sind wir gar nicht. Wir ergänzen uns gut. Das Bern-Zürich-Ding ist vielleicht symptomatisch für unser Unternehmen, aber auch für unsere persönliche Beziehung: Wir sind unterschiedlich, aber wir ergänzen uns.

Andreas Hugi: Ich kannte Ruedi Noser, da ich als sein Geschäftsführer des Ingenieurverbands STV arbeitete. Löru war damals bereits in einer Berner PR-Agentur in Bern tätig, wir kannten uns vorher überhaupt nicht. Ruedi Noser wusste aber, dass wir beide mit dem Gedanken spielten, uns selbstständig zu machen. Also organisierte er ein Treffen im Zürcher Hauptbahnhof, eine Art Blind Date. Wir sassen uns gegenüber und dachten: Warum eigentlich nicht? Wir wussten beide: Ruedi Noser hat eine gute Menschenkenntnis. Danach haben wir unglaublich viel telefoniert, Sitzungen gemacht, diskutiert.

Herr Hugi, Sie waren vorher bei der «NZZ», später Fraktionssekretär der Zürcher FDP und im Verbandswesen tätig. Unternehmerische Ambitionen hatten Sie keine?

Andreas Hugi: Nein, überhaupt nicht. Ich war immer im gesellschaftspolitischen Umfeld unterwegs. Vor allem beim Ingenieurverband habe ich viel Public Affairs und Lobbying gemacht, etwa bei Fachhochschulen oder Gesetzesrevisionen. Irgendwann hatte ich das Gefühl: Ich möchte mich im Bereich politische Beratung selbstständig machen. Und bei Löru war es ein ähnlicher Prozess. Der Zeitpunkt hat einfach gepasst.

War es von Anfang an klar, dass Sie die Achse Bern-Zürich bespielen wollten?

Lorenz Furrer: Ich bin eigentlich noch weniger ein Unternehmer als Andreas, ich bin studierter Historiker, mein Vater Pfarrer. Ich hatte damals wirklich keine Ahnung vom Unternehmertum, bin also reingerutscht. Als wir uns kennenlernten, habe ich bei der legendären Berner Agentur Contexta Public Relations gemacht.

furrerhugi wird oftmals als FDP-nahe Agentur wahrgenommen. Wie viel FDP steckt heute noch in Ihnen?

Lorenz Furrer: Eigentlich gar nicht so viel. Wir haben sicher eine liberale Grundhaltung und sind beide FDP-Mitglieder. Aber wir werden oft vorschnell als FDP-Agentur abgestempelt.

Andreas Hugi: Man muss unterscheiden: Unser Beruf funktioniert gar nicht ohne gesellschaftspolitisches Interesse. Wir sind beide politische Menschen und politisch verortet. Gleichzeitig sind wir Dienstleister. Im Public-Affairs-Bereich arbeitet man tendenziell häufiger für Unternehmen, Branchenverbände oder wirtschaftsliberale Anliegen. Das bedeutet oft weniger Regulierung und wirtschaftsfreundliche Positionen. Aber wir haben genauso Mandate im Gesundheitsbereich oder bei gesellschaftlichen Themen, die nichts mit links oder rechts zu tun haben. Wir haben Mitarbeitende aus ganz unterschiedlichen politischen Lagern – FDP, Mitte, SVP, SP, GLP. Was wir allerdings bewusst nicht machen: Mandate an den extremen politischen Rändern.

Lorenz Furrer: Christoph Blocher kommt ohnehin nicht zu uns. Und die Jusos auch nicht.

Andreas Hugi: Dadurch werden wir durch Themen wie Europa, Bilaterale oder gewisse wirtschaftspolitische Debatten automatisch in eine politische Ecke gestellt.

Hat sich die politische Kommunikation in diesen zwanzig Jahren verändert?

Andreas Hugi: Definitiv. Die Polarisierung hat stark zugenommen. Als wir starteten, gab es noch sehr starke politische Führungsfiguren, was sich auch an der Zusammensetzung des Bundesrates zeigte: Couchepin, Blocher, Calmy-Rey oder auch Doris Leuthard. Dann kam die Finanzkrise, später Corona – und plötzlich wurde alles viel dynamischer, heterogener und schneller. Politische Krisen führten und führen natürlich auch dazu, dass der Bedarf an Einordnung und Beratung steigt.

Lorenz Furrer: Gleichzeitig waren wir ziemlich früh dran mit einem systematischen Verständnis von Public Affairs. Damals gab es vor allem klassisches Lobbying, viele Verbände arbeiteten sehr ad hoc. Wir haben versucht, daraus eine Methodik zu machen. Kurz nach der Gründung haben wir mit «Politoscope» ein digitales Politmonitoring aufgebaut. Damals sassen noch Studenten da und tippten parlamentarische Vorstösse in Datenbanken ein. Heute ist das automatisiert.

Andreas Hugi: Auf einen kurzen Nenner gebracht: Wir haben Public Affairs ein Stück weit vom Apero zur Systematik gebracht. Die Professionalisierung im Parlament hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten zweifellos stark zugenommen, was sich darin zeigt, dass die einzelnen Parlamentarier Anspruch auf einen eigenen Mitarbeiter haben. Trotzdem bin ich immer noch erstaunt, dass unser Parlament – im Gegensatz zum Ausland – ein Milizparlament geblieben ist. Es ist alles immer noch ein bisschen hemdsärmelig. Einerseits ist es sehr schön, dass man einen Parlamentarier direkt auf seinem Handy erreichen kann – im Ausland völlig undenkbar. Andererseits muss das Parlament aufpassen, dass es nicht von der Verwaltung überrollt wird.

Letztes Jahr kam furrerhugi in die Schlagzeilen, als Sie den Mitte-Nationalrat Markus Ritter während seiner Bundesratskandidatur unterstützten. Würden Sie dies heute wieder so machen?

Lorenz Furrer: Diese Geschichte hat mehr Aufmerksamkeit bekommen, als ihr eigentlich zustand. Genauso wie der später gewählte Martin Pfister hat sich auch Markus Ritter externe Unterstützung geholt. Diese haben wir ihm geboten. Das Mandat haben wir wie üblich und gemäss den Standesregeln gegen aussen kommuniziert. Anschliessend nahm dies eine Dynamik an, die wir nicht vorhergesehen hatten. Aber Bundesratswahlen sind in der Schweiz immer noch etwas Heiliges.

Andreas Hugi: Geschadet hat uns die ganze Sache sicher nicht. Wir haben das Mandat ganz klar als solches deklariert.

Der «Tages-Anzeiger» hat einmal in einem Porträt über Sie geschrieben: «Wenige Menschen in der Schweiz beeinflussen unsere Meinung derart stark wie Andreas Hugi.»

Andreas Hugi: Bei solchen Porträts überlegen wir uns im Vorfeld, ob wir es überhaupt machen sollen. Diejenigen Leute, die sehr nahe bei mir sind und mich gut kennen, haben sich über den Artikel wahnsinnig aufgeregt. Je weiter entfernt aber die Leute waren, desto besser war die Resonanz. Wir sind in solchen Angelegenheiten sehr zurückhaltend. Gerne erklären wir aber, was Lobbying ist und was eben nicht.

Was macht furrerhugi denn genau?

Lorenz Furrer: Wir verstehen uns als Kommunikationsagentur mit zwei Standbeinen: Public Relations und Public Affairs. PR arbeitet mit Einbezug der Öffentlichkeit, Public Affairs eher im politischen Prozess. Früher machten wir fast ausschliesslich Public Affairs. Heute kommt die klassische Kommunikation dazu.

Andreas Hugi: Im Kern helfen wir dabei, dass Interessen gehört werden. Jemand kommt zu uns und sagt: «Ich möchte dieses Anliegen politisch voranbringen.» Dann analysieren wir zuerst: Gibt es dafür überhaupt eine Mehrheit? Wenn nicht, versuchen wir, Allianzen aufzubauen, Mehrheiten zu schaffen, Themen frühzeitig sichtbar zu machen. Wir beobachten politische Entwicklungen, vernetzen Akteure und begleiten Prozesse. Aber am Ende muss das Anliegen Substanz haben. Wir können keine Wunder vollbringen.

Wird politische Kommunikation nicht manchmal überschätzt?

Andreas Hugi: Absolut. Aus einem vollkommen untauglichen Anliegen kann man keine politische Mehrheit machen. Es gibt das berühmte Bonmot von Rudolf Farner, wonach man mit einer Million aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat machen kann. Ich glaube, das stimmt heute nicht mehr.

Auf welche Projekte sind Sie besonders stolz?

Andreas Hugi: Spannend waren vor allem jene Mandate, bei denen wir Organisationen hinsichtlich Public Affairs wirklich weiterentwickeln konnten. Kurz nach der Gründung gewannen wir einen grossen Pitch von der FMH, also der Ärztevereinigung. Dort konnten wir über fast zehn Jahre mithelfen, deren Public Affairs professioneller aufzubauen. Auch für die SRG haben wir lange gearbeitet. Dort gab es anfangs praktisch keine Öffentlichkeitsarbeit, diese haben wir damals zusammen mit Roger de Weck aufgegleist.

Lorenz Furrer: Unter Erfolg verstehe ich heute aber vor allem das Netzwerk und die Menschen, die bei uns arbeiten. Public Affairs klingt oft glamouröser, als es ist. In Wirklichkeit besteht unser Job aus Lesen, Schreiben, Analysieren, Recherchieren und sehr vielen Gesprächen. Wir haben heute ein unglaublich gutes Team mit Leuten, die über ganz unterschiedliche Hintergründe verfügen – ehemalige Journalisten, Kommunikationschefs, Verwaltungsleute oder Agenturmenschen. Und alle bringen wiederum eigene Netzwerke mit.

Wenn man die Geschichte Ihrer Agentur anschaut, hat man den Eindruck, dass alles reibungslos laufe ...

Lorenz Furrer: Das täuscht. Bis etwa 2014 sind wir praktisch jedes Jahr gewachsen. Wir waren wie ein Motorboot, das im grellen Sonnenschein dem Horizont entgegensteuert und sich durch nichts bremsen lässt. Unser Ziel war es, die ganze Kommunikationspalette abzudecken. So gründeten wir einen Corporate-Bereich. Doch das funktionierte nicht wirklich.

Andreas Hugi: Damals war ich überzeugt, man müsse Corporate Communication und Public Affairs strikt trennen. Das war ein unternehmerisches Experiment – und wir merkten irgendwann: Genau diese Trennung funktioniert nicht. Heute machen wir beides integriert. Oft spielen Medienarbeit und Lobbying zusammen und ergänzen sich auch. Diese beiden Disziplinen befruchten sich. Aber das mussten wir auch konkret erfahren.

Parallel sind Sie auch geografisch stark gewachsen ...

Andreas Hugi: Ja, wir haben Büros in Lausanne und später in Lugano aufgebaut, was ein Kraftakt war. Gleichzeitig eröffneten wir noch ein Büro in Brüssel. Das war ziemlich viel auf einmal und hat uns unsere Grenzen aufgezeigt. Aber heute funktionieren diese Standorte sehr gut. Gerade das Tessin entwickelt sich hervorragend.

Mittlerweile sind Sie zwölf Partner. Wie wichtig ist die Nachfolgeplanung?

Andreas Hugi: Sehr wichtig. Wir wollen nicht mit siebzig sagen: Jetzt verkaufen wir alles an Private Equity oder machen dicht. Darum beschäftigen wir uns seit Jahren mit der Nachfolge. Wir haben rechtliche Strukturen geschaffen, neue Partner aufgebaut und versuchen, eine nächste Generation einzubinden. Nicht alles hat funktioniert, aber das gehört dazu.

Lorenz Furrer: Unser Modell basiert stark auf Partnern mit Mandatsverantwortung. Das hat sich extrem bewährt. Jeder Partner bringt Kunden, Netzwerke und Expertise ein. Im Gegensatz zu einer Anwaltskanzlei arbeiten bei uns alle für das ganze Unternehmen und nicht auf eigene Rechnung.

Andreas Hugi: Entscheidend ist für uns, dass der Spirit erhalten bleibt. Wir möchten die Firma irgendwann an Menschen weitergeben, die ähnlich ticken wie wir.

Lobbying hat oft einen negativen Beigeschmack. Stört Sie das?

Andreas Hugi: Wir versuchen bewusst zu erklären, was Lobbying eigentlich ist. In einem Milizsystem wie der Schweiz ist Lobbying völlig normal und legitim. Ohne Lobbying würde dieses System gar nicht funktionieren. Natürlich gibt es das Bild vom Strippenzieher, aber Public Affairs ist vor allem Handwerk: Beziehungen pflegen, Informationen aufbereiten, Mehrheiten suchen. Und heute funktionieren grosse Public-Affairs-Kampagnen fast immer gemeinsam mit öffentlichem Campaigning – also Medienarbeit, Petitionen oder Kampagnen.

Sie haben mit Farner, den Konsulenten, der Dynamics Group und Lemongrass einige grosse Mitbewerber. Wie ist das Konkurrenzverhältnis, und wo steht furrerhugi?

Lorenz Furrer: In der Kommunikationsbranche kennt man sich und ist in der Regel freundschaftlich unterwegs. Mal gewinnt die eine Agentur ein spannendes Mandat, mal die andere.

Herr Hugi, Sie sind auch noch Präsident des Branchenverbandes LSA. Wodurch unterscheiden sich Lobbying und PR von der klassischen Werbung?

Andreas Hugi: PR- und PA-Mandate sind in der Regel langfristiger ausgelegt, sei es bei der Medienarbeit oder bei der politischen Wirkung. Wir pitchen auch viel weniger, sondern werden eher direkt angefragt. Aber sonst geht es bei allen Kommunikationsdisziplinen um dasselbe: Wir lösen Kommunikationsherausforderungen unserer Kunden und vernetzen Menschen mit Ideen.

Sind Ihre Bereiche auch so unter Druck wie die Werbung oder durch KI gefährdet?

Lorenz Furrer: Technologische Herausforderungen gab es schon immer. Momentan nehmen wir KI als grosse Chance wahr, unsere Kunden noch besser beraten zu können. Ich bin überzeugt, dass die «kreative Intelligenz», so unser Slogan für unser 20-Jahr-Jubiläum, immer gefragt sein wird.

Herr Furrer, im Gegensatz zu Ihren Mitbewerbern haben Sie mit dem Cie de Berne sogar einen eigenen Club mit Gastronomie aufgebaut. Wie kam es dazu?

Lorenz Furrer: Ich esse und trinke einfach wahnsinnig gerne (lacht). Nein, im Ernst: Die beste Kommunikation passiert am Tisch. Als wir die Möglichkeit hatten, diese Räume zu übernehmen, wollten wir einen Ort schaffen, an dem Menschen zusammenkommen. Wir sind in Partnerschaft mit anderen Clubs wie beispielsweise dem Club am Rennweg in Zürich.

Andreas Hugi: Ursprünglich dachten wir eher an ein Restaurant. Wegen der regulatorischen Vorgaben wurde daraus dann ein Clubmodell. Gerade nach Corona merkt man wieder extrem, wie wichtig persönliche Begegnungen sind. Menschen wollen sich wieder face to face austauschen – egal ob bei einem Glas Wein oder Mineralwasser. Ich glaube, dieser hauseigene Club ist in der Schweiz einzigartig, und er ist mittlerweile auch ein bisschen unsere DNA.

Wenn Sie zurückblicken, was würden Sie heute anders machen?

Lorenz Furrer: Einzelne Entscheidungen sicher. Aber grundsätzlich eigentlich nichts. Es gab in diesen zwanzig Jahren erstaunlich wenige Momente, in denen ich nicht gerne gearbeitet habe. Der Generationenwechsel bedeutet für mich übrigens auch nicht, dass ich irgendwann nach Mallorca auswandern werde, um Golf zu spielen. Ich mache meinen Job wirklich gerne.

Andreas Hugi: Unternehmerisch würde man in gewissen Einzelfällen vielleicht anders entscheiden, das stimmt. Aber die Grundidee stimmt für mich bis heute: Menschen mit Ideen an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu vernetzen. Und ganz ehrlich, Löru: Mit dir würde ich sofort wieder anfangen.

Lorenz Furrer: Dem würde ich sofort beipflichten.

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Quelle: persönlich, Interview von Matthias Ackeret, 14. Juli 2026.